Escola Popular

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TAGESLOSUNG

25.06.2019

Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen, aber mit großer Barmherzigkeit will ich dich sammeln.
Jesaja 54,7

Jesus spricht:  Ich will euch nicht als Waisen zurücklassen; ich komme zu euch.
Johannes 14,18

Berichte von Rubens Bildungsreise in Brasilien

Ruben Marschall ist seit Ende März bis zum Sommer 2012 auf Bildungsreise in Brasilien und wird uns an dieser Stelle in loser Folge von seinen Erlebnissen und Eindrücken berichten. Seine Reise begann in Curitiba, wo auch Isabell le Blanc und René Obst Praktika für die Escola Popular absolvieren. Dort lernte er die lutherische Kirchenleitung der Synode Paranapenama sowie die laufenden Praktikum- und Sozialprojekte kennen und nahm bereits Kontakt mit weiteren potentiellen Kooperationspartnern in Salvador da Bahia auf, um Möglichkeiten für Projekte zu sondieren. Ruben ist mittlerweile in Salvador angekommen und wird sich dort weiter in der Capoeira fortbilden, um sich für seine zukünftige Anstellung in der Escola vorzubereiten und die Capoeiraarbeit in der Escola weiter zu profilieren. Zu seinen Aufgaben gehört auch, die Kooperation zwischen der lutherischen Kirche in Brasilien und der EKM voranzubringen und im Rahmen unseres Brückenprojektes weitere Aktionen anzubahnen.

11. Juni 2012

Oi Escola,

nun liegen circa 6 Wochen und 96 Stunden Training hier in Salvador da Bahia in Brasilien hinter mir. Auch wenn ich schon zwei Mal hier zu Besuch war, konnte ich in dieser Zeit unzaehlige neue Eindruecke von der Stadt und den Menschen sammeln. Ich habe mir ein kleines Buch (A5) aus Deutschland mitgenommen, um wichtige Erkenntnise aus dem Training und den Beobachtungen der Gemeindearbeit hier vor Ort festzuhalten. Das Buechlein ist bereits bis ueber die Haelfte gefuellt. Das habe ich vor allem Mestre Valmir und den zwei ehrenamtlichen krichlichen Mitarbeiterinen Gegé und Sarah zu verdanken, die mir ohne Einschraenkungen Einblick in die sozialen Projekte der Gemeinde und der Capoeiraschule gewaehrt haben, von denen ich im folgenden Berichten moechte.

Natuerlich hatte ich den Kontakt zur Gemeinde hier als erstes im Gottesdienst gesucht. Nachdem ich mich aber zuvor mit dem verantwortlichen Pfarrer Klumb getroffen hatte, den ich als einen sehr liebenswerten, fast weisen Mann bei einem Bier kennenlernen durfte, hat sich im Gespraech mit ihm schnell herausgestellt, dass es das Beste waere, wenn ich aufgrund meiner bisherigen Arbeit in der Escola zunaechst die soziale Arbeit vor Ort kennenlernen.  Dazu musste ich erst einmal die verantworlichen Mitarbeiter kennelernen. Das geht am besten nach dem Gottesdienst. Nun stand meinen Gottesdienstbesuch also nichts mehr im Wege und ich erlebte einen der wohl spannensten evangelischen Gottesdienste bisher. Unsere Konfession wird hier im Volksmmund uebrigens einfach die "Luteranos" gennant. In diesem Gottesdienst gab es Fuerbitten zu afrikanischen Trommeln, meditative Gebetsgesaenge (aehnlich den Taenzem im Candomblé) und der Art lebendige Segnungen, dass ich mich selber ueber mich erschrocken habe, wie schwer es mir doch fiel, das dort erlebte zu fassen.  Damit ihr nachvollziehen koennt warum dieser Gottesdienst so anderst war als in Deutschland, muesst ihr einige Fakten ueber die religioese Situation hier in Bahia wissen. Ein hier gelaeufiges Sprichwort sagt: "In Salvador da Bahia gibt es 365 Kirchen – für jeden Tag des Jahres eine." Katholiken, Methodisten, verschiedene Pfingstkirchen, Baptisten, Lutheraner und andere evangelische Kirchenabkoemmlinge. Daneben aber exestieren mit nicht minder starker Kraft und Aussenwirkung diverse afrikanische Kulte wie Candomblé, die bei der ueberwiegend schwarzen Bevölkerung Salvadors stark verwurzelt sind. Deshalb ist Ökumene - die Zusammenarbeit der Kirchen und Religionen - für Pfarrer Klumb ein wichtiges Stichwort. Seine lutherische Gemeinde besteht aus gerade mal 450 Mitgliedern. Mit seinen eigenen Worten ist das:  „Eine Stecknadel im religiösen Heuhaufen von Salvador.“ Das bedeutet, dass sich auch Pfarrer Klumb in seinem Gottesdienst an die religioes gelebte Vielfalt der Menschen vor Ort anpassen muss. In einem Bericht ueber die Situation der lutherischen Gemeinde in Salvador von 2007 drueckt er sich zu diesem Thema ungefaehr wie folgt aus: „Wir können in dieser Gesellschaft nicht wie auf einer Insel leben. Wenn wir Brücken bauen wollen, müssen wir andere Religionen respektieren.“ Schon im ersten Satz dieser Aussage Klumbs steckt eine Erkenntnis, die aus einem anderen Kontext heraus auch einen grossen Teil meiner eigenen Motivation in der Escola zu arbeiten ausmacht. Etwas an Kirche veraendern zu wollen. Wenn Klumb im zweiten Satz davon spricht Bruecken zu bauen, so ist dies im Gottesdienst seiner Gemeinde in der Verschmelzung verschiedener religioeser Rituale und Kulturstroemungen zu einem Ausdruck evangelischen Glaubens Wirklichkeit geworden.

Am Ende des Gottesdienstes wurde ich dann Gegé und Sarah vorgestellt. Die beiden Frauen betreuen zwei soziale Projekt in zwei Grundschulen in Salvador, in deren Einzugsgebiet ausschliesslich einige der schlimmsten Favelas liegen. Ich habe diese Arbeit an mehreren Tagen begleitet und beobachtet. Dabei ist mir besonders prositiv aufgefallen, wie kreativ hier mit den Kindern und Jugendlichen gearbeitet wird. Es gibt Bastelstunden, Schminkkurse und eine Theatergruppe. Alles ist so angelegt, dass die Kinder im Idealfall hier ein Handwerk erlernen, mit dem sie auch etwas zum Ueberleben der Familie beitragen koennen. In Deutschland nahezu undenkbar, so ist Kinderarbeit hier oft eine traurige Notwendigkeit. Viele der Kids wuerden ohne das Projekt gar keine elementare Grundschulbildung erfahren.

Mit Mestre Valmir bzw. den Capoeiralehrerinnen seiner Akademie besuchte ich zum einen einen fest integrierten Capoeiraunterricht an einer staatlichen Grundschule und zum anderen die woechentlich stattfindenden Capoeirastunden fuer Kinder und Jugendliche in der Favela "Mussurunga", welche dort in das kommunale Sozialprojekt "Bahia Street" (http://www.bahiastreet.org/) eingebunden sind. Beide Erfahrungen waren fuer mich sehr lehrreich. Besonders die verschiedenen Methoden, welche im Capoeiraunterricht fuer Kinder genutzt wurden, haben mich stark inspiriert. Dabei wurden viele Paralellen zur Altagswelt der Kids geknuepft und die Kinder konnten so eine Menge Lernerfahrungen praktischer Art sammeln. Worin ich eine Parallele zu unseren pädagogischen Ansaetzen in der Escola Popular erkenne.

In der Nachbesprechung zu meinem Besuch bei Gegé, Sarah und Valmir habe ich die Moeglichkeit ergriffen, auf die inhaltlichen Verbindungen des kirchlichen und des kommunalen Netzes hinzuweisen und gleichzeitig von unseren Erfahrungen mit Capoeira als evangelische Bildungsarbeit zu erzaehlen, wovon alle Verantwortlichen begeistert waren. Als Konsequenz wurde Gegé von Mestre Valmir zu einem konspirativen Treffen eingeladen. Die Escola Popular baut also auch hier Bruecken :-). Doch davon mehr in meinem naechsten Bericht.


Auf den Bildern seht ihr mich in der Akademie von Valmir, eine Kinderroda von "Bahia Street" mit ueber 70 Kindern und noch mal ich in der ältesten Akademie Bahias, der ABCA.


Liebe Gruesse,

Ruben


11. April 2012

 

Oi Escola Popular,

ich schreibe Euch meinen ersten Bericht aus der Stadt Salvador da Bahia in Brasilien. Seit gut zehn ereignisreichen Tagen bin ich nun hier in der Hauptstadt des Bundesstaats Bahia im Norden Brasiliens und doch werde ich in diesem Bericht hauptsächlich von den Ereignissen am  Anfang meiner Reise berichten, welche im Süden Brasiliens in Curitiba begonnen hatte. Da ihr sicher aus den Praktikumsberichten von René und Isabell schon viel über diesen Zeitraum erfahren habt, darf ich sicher voraussetzen, dass ihr den groben Rahmen dieses Aufenthalts  schon  kennt und mit vielen Ereignissen aus diesen Zeitraum bereits vertraut seid, deshalb werde ich einfach meine Eindrücke ganz subjektiv beschreiben und falls ihr etwas nicht zuordnen könnt, empfehle ich Euch, die schönen Berichte der beiden zu lesen (Isabell / René).

Nach dem längsten Flug meines Lebens (26 Stunden Gesamtreisezeit) über Salvador, Belo Horizonte nach Curitiba, bin ich dort auf wunderbar herzliche Weise von Fábio und seiner Familie empfangen worden. Es war für mich sehr spannend, Fábios Familie, bei der ich während des gesamten sechstägigen Aufenthalts in Curitiba untergebracht war, in ihrem Alltag erleben zu dürfen. Da ich schon zwei Mal für kurze Zeit in Salvador war, bin ich natürlich mit bestimmten Erwartungen nach Curitiba gekommen. Ich durfte feststellen, dass Brasilien anscheinend ein sehr facettenreiches Land ist. Die Stadt präsentierte sich mir in einem ganz anderen Flair, als ich es von Salvador gewöhnt war. Der Verkehr läuft viel geordneter, überall gibt es Grünflächen, die Menschen sind Ausländern gegenüber aufgeschlossener und das Klima ist viel milder als in Salvador, um nur einige Aspekte zu benennen.  Vor allem aber ist die Grundstimmung weniger aggressiv und gefährlich, man hat nicht ständig das Gefühl, sich permanent nach möglichen Gefahren umschauen zu müssen.

Am ersten Tag  der Reise waren Fábio, Hans-Jürgen und ich bei einem Treffen mit Pfarrer Weber, welcher früher in der Gemeinde angestellt war, in der René jetzt sein Jugendarbeitspraktikum  absolviert. Der Pastor versucht in einem renommierten sozialen Projekt eine evangelische Arbeit aufzubauen, welche sich der Betreuung von Kindern unterschiedlicher Altersgruppen bis einschließlich  18 Jahre verschrieben hat, deren Eltern aus verschiedenen Gründen ihr Sorgerecht verwirkt haben. Bei seinem Konzept ist es ihm besonders  wichtig, Kirche praktisch zu gestalten und erlebbar zu machen. Zum einen, damit die Kinder und Jugendlichen einen praktischen Nutzen davon  haben - sprich: Sach- und Kulturkompetenz  zu erwerben - und  zum anderen, um einen erlebbaren Zugang zum evangelisch-lutherischen Glauben zu schaffen. Die Gründung des  Projekts beruht auf der Initiative der ev. lutherischen Kirche und in jüngster Vergangenheit  gab es auch bereits eine Zusammenarbeit mit einer der vielen freikirchlichen Konfessionen, die in Brasilien koexistieren - die Leitung möchte sich aber auf ihre Wurzeln besinnen. Bei diesem Treffen wurde mir besonders bewusst, dass die Escola Popular mit ihrer nunmehr 18-jährigen Geschichte sich einen waren Fundus an Erfahrung und „Know-How“  erarbeitet hat, der sie als Partner innerhalb der evangelischen Kirche einzigartig wertvoll macht. Natürlich schließe ich nicht aus, dass es in der evangelisch-lutherischen Kirche in Deutschland viele gute Projekte gibt, von denen ich bisher noch nichts erfahren konnte, aber wir als Escola haben neben unserem einzigartigen Profil einen klaren Arbeitsansatz erarbeitet, den wir theoretisch an so vielen Orten installieren könnten. Hierbei zählt nicht hauptsächlich die Sachkompetenz des Mediums, welches wir uns bedienen, sondern es ist unser  offener  und lebensnaher Arbeitsansatz, der uns als Partner wertvoll macht. Mir hat die Begegnung mit Pfarrer Weber Kraft und Zuversicht gegeben, gerade weil ich gespürt habe, dass sich auch in Curitiba in Brasilien das Bedürfnis nach einer anderen Erlebbarkeit des Glaubens in Gemeinschaft regt. Das klingt vielleicht etwas theatralisch, aber auch in Curitiba erreicht die ev. lutherische Kirche hauptsächlich den gebildeten Mittelstand und sucht nach Formen und Arbeitsansätzen, um ihren Raum zu erweitern und zu öffnen. Die Escola hat auf diese Suche eine Antwort, gute Zusammenarbeit  natürlich vorausgesetzt. Es wäre toll wenn unsere „Schule“ sich in naher Zukunft auch in Brasilien noch stärker installieren könnte. Die Möglichkeiten dazu sind da, nun liegt es an uns allen. :)

Ich möchte noch von einer weiteren "Möglichkeit" berichten, welche mir besonders in Erinnerung  geblieben ist.  Am letzten Tag unserer Arbeitswoche in Curitiba haben wir unsere Praktikantin Isabell im Projekt Dorcas besucht. Auch hier handelt es sich um ein soziales Projekt, welches sich am Rande Curitibas  um Straßenkinder  kümmert, nur mit dem Unterschied, dass dieses Projekt von der evangelisch-lutherischen Kirche selbst ins Leben gerufen wurde. Hans-Jürgen und Familie, Fábio, René und ich kamen am späten Nachmittag in Dorcas an. Isabell und Zen waren bereits dabei mit der Kindercapoeiragruppe des Projekts eine Aufwärmung für die geplante Roda zu machen (siehe auch im Bericht von Isabell). Nachdem wir uns schnell umgezogen hatten, war dies die erste Möglichkeit für mich in einer  Roda einer Capoeiragruppe der Escola Popular in Brasilien teilzunehmen. Ich war dementsprechend aufgeregt  aber dank Zens guter Einführung wich die Aufregung bald einer großen Zuversicht, denn auch wenn wir Besucher viele Texte der gesungenen Lieder nicht kannten oder verstanden haben, galt auch hier das Prinzip, dass jeder mitmachen kann, egal welches Können er mitbringt. Die Kinder ermutigten uns immer wieder zu spielen und weiter zu singen, auch wenn sie einen unserer  Texte nicht kannten. Der Respekt im Capoeiraspiel der Kinder  war groß und der Umgang würdevoll. Gerade dieser Umgang, den die Kinder im Capoeiraspiel und auch außerhalb der Roda miteinander pflegten hat mich besonders inspiriert und beeindruckt. Die Feedbackrunde am Ende der Roda und die Worte die Hans-Jürgen den Kindern mitgab, gaben dem Ereignis ein richtiges Escolaprofil. Die Escola Popular ist dort schon angekommen und das Potential ist längst nicht ausgeschöpft: auch hier wird dringend ein/e Nachfolger/in für Isabell gesucht. Vamos lá! :)

Ein weiteres Ereignis, das aus ganz persönlicher Sicht für mich wertvoll war, waren die zwei gemeinsamen Besuche mit René und Isabell in der Capoeiragruppe, in der Isabell Unterricht nimmt. Gerade weil es so gelungen ist, Isabell und René noch mehr zusammen zubringen, die beide sehr in ihrer Arbeit in „Dorcas“ und der Gemeinde aufgehen zu wenig Zeit finden, einander zu begegnen. Wir waren in dieser Gruppe zu dritt als Escola zu Besuch und es war schön, von Isabell eingeführt zu werden und der Offenheit und dem starken  Interesse der Gruppe zu begegnen. Ich hatte das Gefühl, dass der Lehrer  der Gruppe eine ähnlich starke Beziehungsarbeit leistet, wie wir es in der Escola auch tun. Gerade deswegen hatte ich das Gefühl in einer Gruppe mit einem starken Gemeinschaftsgefühl zu sein. Sicher sind es in einer Capoeiragruppe andere Motive und Interessen als in der Escola, die einzelne Menschen miteinander verbinden, aber mittlerweile finde ich genau das viel wichtiger, als das Können einzelner Leute in der Capoeira oder im Samba. Ich glaube, das ist etwas, das man sich immer wieder selbst bewusst machen muss und das genauso auch unsere Escola ausmacht.

Nun bin ich in Salvador und das schon seit nunmehr  10 Tagen und über 20 Stunden Training  ;-). Ich möchte die Zeit hier besonders dafür nutzen, einen noch tieferen Einblick in die Capoeira zu bekommen. Ich sehe es als einmalige Chance, meine eigene Sachkompetenz zu erweitern und damit auch unsere Arbeit in der Escola weiter zu qualifizieren. Auch wenn meine Aufgaben hier nicht so konkret sind wie bei Isabell und René, so zeichnen sich doch bereits einige Optionen ab. Vielleicht gelingt es mir mit dem ortsansässigen  Pfarrer ein kleines Projekt zu starten. Ich hoffe auch darauf, die Arbeit mit Kindern von Mestre Valmir (bei dem ich aktuell Unterricht nehme) in den ärmeren Vierteln Salvadors begleiten zu dürfen. Dass alles wird sich in der laufenden Woche stärker konkretisieren und ich werde in meinem nächsten  Bericht mehr darüber schreiben.

 

Viele Liebe Grüße an die Escola in Deutschland, Polen und Paraná,

Ruben


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